Einführung zur Ausstellung „Das Nahe im Fernen“ von Jón Thor Gíslason
16. Juni – 12. Juli 2023
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, lieber Jón,
ganz herzlich begrüße ich Sie und euch zur heutigen Ausstellungseröffnung. Wir zeigen unter dem Titel „Das Nahe im Fernen“ im Ratssaal und im Flur Malerei und Zeichnung von Jón Thor Gíslason und parallel dazu im Nebenraum ausgewählte Arbeiten aus dem Archiv der Galerie.
Im Folgenden möchte ich ein paar Worte sagen zu Jón Thor Gíslason und vor allem natürlich zu seinen Arbeiten: Er ist in Hafnarfjördur in Island geboren, hat dort an der isländischen Kunstschule in Reykjavik studiert und etliche Jahre als professioneller Pop-Musiker in Island gearbeitet.
1989 ist er nach Deutschland gekommen, zunächst nach Stuttgart, wo er ein Aufbaustudium an der Kunstakademie bei Professor Mansen absolviert hat. Er lebt seit Ende der 90er Jahre als freischaffender Künstler in Düsseldorf, hat (seit 1982) seine Werke in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, vor allem immer wieder auch in Island.
2001 hatte er seine erste Ausstellung hier in diesen Räumen – damals noch nicht Galerie - unter dem Titel „Szenen“. Er ist einer der ersten Künstler der 2006 gegründeten Galerie und hat seitdem hier regelmäßig ausgestellt und an Gruppenausstellungen teilgenommen. Das letzte Mal hat er hier ausgestellt um den Jahreswechsel 2018/19 mit Gerd Kanz unter dem Titel „Anders schön aber immer“. Ein Schlüsselwort im Kunstschaffen von Jón Thor Gíslason ist das Wort „Anschauung“ – es betitelt insbesondere auch seinen neuen Katalog. Anschauung - das meint, dass für den Künstler zunächst die unmittelbare sinnliche Wirkung seiner Bilder im Vordergrund steht, die unverstellte „Contemplation“ - wie der Katalogtitel auf Englisch heißt - vor einer gedanklichen Auseinandersetzung. Jón Thor Gíslason schreibt in seinem Katalogtext: “Diese Methode, bei der eine körperliche, durch Empfinden erzeugte Wahrnehmung im Vordergrund steht, gibt uns …eine Möglichkeit, die Wirklichkeit in einem neuen Licht zu sehen, bzw. zu begreifen“
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Vielleicht können meine folgenden Erläuterungen diese sinnliche Wahrnehmung etwas vertiefen, vielleicht im Sinne des von Olaf Breidbach geprägten Begriffs des „Anschauenden Denkens“. In seiner „Morphologie des Unmittelbaren“ schreibt der von Jón Thor Gíslason äußerst geschätzte Philosoph, Biologe und Wissenschaftshistoriker „Anschauung zu denken heißt, das Korsett begrifflichen Denkens zu verlassen und denkend zu schauen“
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Trotz Jón Thor Gíslasons intensiver, wertschätzender Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kunstströmungen der letzten Jahrzehnte ist er stets der figurativen Malerei treu geblieben. Eine unverwechselbare Bildsprache wohnt seinen Bildern inne, ein unverwechselbarer Ausdruck der Protagonisten. Die Arbeiten sind gekennzeichnet vom virtuosen Umgang des Künstlers mit Farbe und Linie und von ihrer ambivalenten Atmosphäre. Vor einem abstrakten, manchmal ornamentalen, rhythmisch gegliederten Hintergrund erscheinen einzelne – gelegentlich auch mehrere - Figuren, meist in frontaler Ausrichtung, wirken fast wie appliziert. Es handelt sich vornehmlich um junge Menschen oder Kinder, vielfach Frauen und Mädchen, noch nicht festgelegte, in ihren vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten noch offene Menschen. Es sind Figuren mit einem oft zerbrechlich wirkenden Körperbau, meistens weißer Haut, vorwiegend mit geschlossenen, in schwarzer Farbe gehaltenen Augen, manchmal mehr oder weniger nackt, manchmal in ebenfalls ornamental gestalteter, rhythmisch gemusterter Kleidung, in unterschiedlichen Posen, manchmal skeptisch, schüchtern, bedrückt, still, aber auch in anmutiger, bewegter Körperhaltung. Ohne Verortung in einem realen Raum, ohne Bodenhaftung, wie schwebend, manchmal mit nach unten oder innen gerichteten Fußspitzen, wirken sie oft seltsam fremd und verloren. Auch wenn mehrere auf einem Bild erscheinen, nehmen sie kaum Kontakt miteinander auf. So etwa in der Arbeit „Seiende“ (Bildergalerie der Galeriewebsite 2/11), wo ohne jeden Blickkontakt sich nur eine der drei wie Schutzsuchend an eine andere schmiegt, da sich jenseits des rechten Bildrandes für uns unsichtbar und rätselhaft etwas Unerwartetes abzuspielen scheint.
In fast allen Arbeiten überwiegt eine zarte, lichte, zurückgenommene Farbpalette, oft konterkariert von lebhaften schwarzen und neonfarbigen Farbspuren und Linien. Ephemer erscheinen viele Figuren, wären sie nicht von schwarzen Konturlinien gehalten. Aber die Konturen verlassend, greifen schwarze wie farbige Linien vielfältig über die Figuren hinaus, führen ein mannigfaltiges Eigenleben in den Bildern, lösen die Formen der Motive geradezu auf, wie wir es insbesondere bei der auf der Einladungskarte abgebildeten Arbeit „Judita“ sehen (Bildergalerie 3). Zeichnerische Elemente, wie sie die hier gezeigten Papierarbeiten prägen, sind wesentliche Bestandteile auch der Leinwandarbeiten.
Charakteristisch für Jon Thor Gíslasons Arbeiten ist die Ambivalenz von Schönheit und Tragik, von Anmut und ängstlich-bedrückter Melancholie. Betrachten wir etwa die Arbeit mit dem Titel „17. Juni“ (Bildergalerie 7), dem isländischen Nationalfeiertag. Eine zarte junge Frau breitet in tänzerischer Pose - vielleicht vor dem Spiegel stehend – waagerecht ihre Arme aus, dabei mit der linken Hand ihren weiten Rock haltend. Jedoch kommt kein Frohsinn auf – das Gesicht vermittelt eine rätselhafte Verschlossenheit, sogar Traurigkeit, Einsamkeit vielleicht.
In allen Arbeiten von Jón Thor Gíslason tritt diese Widersprüchlichkeit auf, mit unterschiedlicher Gewichtung der beiden Aspekte. Dabei ist diese Ambivalenz in den hier gezeigten eher reduzierten Arbeiten weniger deutlich, weniger ostentativ als in früheren, eher subtil. Der Ausdruck der Arbeiten ist offener, unbestimmter. Es dominiert die Ästhetik des Schönen, die seit jeher in Jón Thor Gíslasons Kunstschaffen von Bedeutung ist.
Der Künstler setzt sich auseinander mit dem gegenwärtigen Ästhetik-Boom, der sich „vom Konsumverhalten über das individuelle Styling bis hin zur Stadtgestaltung quer durch die ganze Lebenswelt zieht“, wie es der Philosoph Wolfgang Welsch in seinem Buch „Ästhetisches Denken“ beschreibt. Jón Thor Gíslason ist dem Schönen durchaus zugeneigt, aber erhinterfragt die Ästhetisierung unseres Alltags kritisch, sieht hinter die Fassade, entlarvt den „schönen Schein“.
Fast alle Bilder haben einen Titel. Oft gehen diese auf ProtagonistInnen der romantischen Literatur zurück: Der Fremdling etwa auf Novalis (Bildergalerie 4), Diotimas Tochter (Bildergalerie 10) auf Hölderlin, oder sie stehen im Zusammenhang mit philosophischen Gedanken: Seiende (Bildergalerie 2) , Bewusstseyn (Bildergalerie 8). Manchmal lässt sich Jón von Assoziationen an eine bestimmte Person inspirieren (Bildergalerie 1), die dann titelgebend wird. Für den Betrachter legen die Titel die Bildaussage nicht fest, vermitteln eher eine Ahnung von einem möglichen Hintergrund. So lässt auch der sehr poetische, aber widersprüchlich klingende Ausstellungstitel unterschiedliche Deutungen zu. Er könnte zum Beispiel andeuten, dass die Bilder ferne Gegebenheiten dem Betrachter nahebringen.
Jón Thor Gíslasons Malerei ist eng verwoben mit seinem philosophischen Denken. Der Schlüsselbegriff für diese enge Verflechtung ist der der Romantik. Gerade die die Arbeiten prägende Ambivalenz ist ein Merkmal romantischen Gedankenguts. Auch „das Schöne“ und „das Geheimnisvolle“ spielen eine wichtige Rolle. „Dabei orientiert sich Jón Thor Gíslason an einem Romantikbegriff, der weit über die kunsthistorische Epoche hinausgeht und ein Gegenmodell zum Geist der Aufklärung meint.“(Alexandra König, 2017, Einführung in die Ausstellung „It has to change“) In Jon Thor Gíslasons eigenen Worten: „Die Romantik ist … kein Stil, sondern eine Haltung“. Der Künstler hat in dem genannten Katalog einen Text geschrieben über das Gedankengut der Romantik, seine weitreichenden Auswirkungen insbesondere in der Kunstgeschichte und sein Potenzial für die Entwicklung unserer Zukunft. Er sieht in der Hinwendung zu romantischem Gedankengut eine Möglichkeit zur dringend nötigen Verbesserung unserer Gesellschaft und Welt.
Er schreibt: „Als Folge eines Dualismus, der eine Objektivierung der Wirklichkeit voraussetzt, erleben wir heute die Welt und deneigenen Körper als etwas zunehmend Fremdes“. Er macht diesen Dualismus verantwortlich für unsere aktuellen gravierenden ökologischen und klimatischen Probleme, hält es für unerlässlich, dass Mensch und Natur wieder eine natürliche Beziehung aufbauen, wie es ja die Romantiker bereits um 1800 gefordert haben. Jon Thor Gíslason hat seine Auffassung der Bedeutung der Romantik für unsere Zeit gebündelt in einem Motto:
Be a Realist – turn Romantic
Brigitte Splettstößer, 16.6.2023