Seid realistisch, werdet romantisch.
In der Vielfalt ihrer Bedeutungen tauchen in der heutigen modernen Welt das Nomen „Romantik“ und das Adjektiv „romantisch“ immer häufiger auf. Der Wunsch, sich mit der Natur vertrauter zu machen, und ein starkes Bedürfnis nach eigener Persönlichkeit nehmen zu. Woran liegt das?
Die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit wird immer abstrakter, fremder und objektiver, die Kluft zwischen Mensch und Natur ständig größer. Die Erfahrungswissenschaften mit ihrem maschinellen, äußeren, künstlich entworfenen Blick auf die Welt, die Soziobiologie, die kognitiven Neurowissenschaften, die induktiv denkenden Naturwissenschaften, sie alle arbeiten weiter an dieser Entfremdung, die sich zwischen Subjekt und Objekt gebildet hat. Als Folge dieser Objektivierung der Wirklichkeit droht das Subjekt langsam zu verschwinden. Wenn innere Erfahrungen, wenn das Empfinden, das durch unsere Sinne unmittelbar erlebt wird, notwendigerweise als Schein abgetan werden müssen, eine Illusion sind, die uns keine standhaften Antworten über die Wirklichkeit geben kann, was soll uns dann noch vertraut bleiben? Auch der Materialismus bemüht sich, das Ich zu materialisieren. Im dialektischen Materialismus, bei Marx, Engels und Feuerbach, die den Hegelschen Idealismus auf den Kopf stellen, heißt es: nicht die Idee „ist“ eigentlich und begründet und bewegt die Wirklichkeit, sondern die Materie ist und bewegt sich aus sich selbst und „setzt sich“ erst im „Kopf des Menschen“ zur Idee „um“. Demnach entscheidet die Materie, was wir tun und lassen. Das Ich, das Selbstbewusstsein, ist so gesehen nur ein Glied in einer Kausalkette der materiellen Welt.
Für die Romantik ist die Vereinigung des Subjekts mit dem Objekt etwas Selbstverständliches. Die poetische Annäherung des Romantikers an das Objekt verbindet den Menschen mit der Welt. Romantik ist auch Kreativität und Phantasie, die neue Seh-, Hör-, Vorstellungs- und Aussageweisen hervorbringen können, und Roman- tik ist ein sinnliches Denken, das nach ganzheitlichem Weltverständnis sucht. Die Ganzheit als Offenbarung der Wahrheit, die subjektive Anschauung, die Wirkung des gesamten Organismus zählen, nicht das von der Ganzheit Isolierte. Insofern scheint sich die Romantik als Mittel gegen Natur- bzw. Selbstentfremdung zu eignen. Außerdem geht es in der Romantik nicht unbedingt um irgendwelche Sachverhalte oder einen bestimmbaren Stil, sondern um eine Denkungsart, ein Empfinden. Was heute unter „Romantik“ bzw. „romantisch“ verstanden wird, gab es schon lange, bevor ihm ein Name gegeben wurde. Man denke nur an die Minnelieder und die romanischen Ritterbücher des Mittelalters. Es scheint so, als bilde das Romantische einen Bestandteil der menschlichen Seele, den es schon immer gab, nur in unterschiedlichem Grade. Sehnsucht und Phantasie lassen hoffen, lassen alles vorstellbar und erwägenswert werden.
Aber zur Romantik gehören auch Schwermut und Widrigkeit. „Das Romantische überhaupt besteht im Kontraste“ lautet ein Satz aus August Wilhelm Schlegels Jenaer Vorlesungen über „Philosophische Kunstlehre“ von 1798. In der Romantik sind Widersprüche immer gegenwärtig, was übrigens unserer heutigen Welt keineswegs fremd ist. Melancholie und Optimismus, Intellektualismus und Irrationalismus, Idealismus und die Kunst behilflich sein, die idealistische Vereinigung der Form mit dem Inhalt. Durch eine subjektive, ästheti- sche Wahrnehmung (z. B. beim Betrachten eines Kunstwerks) gilt es, die innere Verschmelzung des Formalen und des Inhaltlichen festzuhalten. Der Philosoph Hans Georg Gadamer nennt dieses Phänomen die ästhetische Nichtunterscheidung bzw. Auffüllung der Wiedererkennung. Es ist eine Begegnung mit uns selber, mit den Ge- heimnissen der Wirklichkeit. Im Übrigen wird Ähnliches wahrgenommen bei einer sinnlichen Betrachtung der Natur, die häufig eine Ferne spürbar werden lässt, die einem gleichzeitig nah und vertraut vorkommt.
Aber es geht hier auch um eine autonome Auseinandersetzung des Verstandes mit der Vergänglichkeit und der Suche nach dem Sinn des Lebens, da uns heute dringender den je die Frage nach unserer Verantwortung gegenüber uns selber, unseren Mitmenschen und dem Leben auf der Erde nachgeht. In Sartres Roman „Der Ekel“ von 1938, der den Zeitgeist des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll widerspiegelt, ist aber der melancholische Hauptdarsteller des Buches durchdrungen von dem Gefühl der Sinnlosigkeit und der Weigerung gegenüber dem „Ansichsein der Dinge“. In diesem Zustand des Widerstandes gegen die Natur meint er, den eigentli- chen Sinn unseres Lebens zu begreifen, die werte- und tabulose Freiheit, den erlösenden Sinn der Sinnlosigkeit. Etwa 150 Jahre früher hat Immanuel Kant die Grundlage für dieses Denken gelegt, die z. B. in dem folgenden Satz deutlich wird: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.“
Mit dem Experiment, der Abwendung von der „reinen“ Theorie zu Gunsten der positivistisch-materialistischen Grundhaltung, müssen wir den Verlust der Vertrautheit mit der Natur teuer bezahlen. Ursprünglich war die Theorie immer identisch mit dem Sein und lässt das zu erkennende Seiende offenbar bzw. wahr sein „in seinem Sein.“ Die Experimentalphysik zwingt aber die wirkliche Natur, zwischen vorentworfenen Möglichkeiten ihrer selbst die entscheidende Antwort der Wirklichkeit zu geben. Das aus den Fugen geratene Gleichgewicht unserer Flora und Fauna ist ein unmissverständli- ches Zeichen dafür, dass diese Herausforderung des Experiments alle Grenzen gesprengt hat. Auch die Umweltverschmutzung und die Häufung dramatischer Naturereignisse durch den Klimawandel sind eine klare Botschaft an die Menschheit, ein Menetekel. Dass Mensch und Natur zusammengehören, dass wir ein Teil dieser Natur sind und sie daher nicht igno- rieren dürfen oder das mit ihr machen können, was wir wollen, müsste uns spätestens gegenwärtig klar geworden sein. Was wir der Natur antun, tun wir uns selber an.
Eine dauernde Herrschaft über die Natur und die zunehmende Objektivierung der Wirklichkeit, sind für Leib und Seele des Menschen ein zerstörerischer Prozess, dem Einhalt geboten werden sollte. So ist das Wiedererscheinen des Romantischen in unserer vernünftigen Welt, in der zwangsweise die alles hinterfragende, rational – analytische Methodik der modernen Naturwissenschaften die innere Erfahrung des Subjekts, die unmittelbare Verbindung mit der Natur als Scheinwelt ablehnen muss, schließlich eine realistische Reaktion des menschlichen Wesens, die die Notwendigkeit des Umdenkens widerspiegelt.
Jón Thor Gíslason