Die Gleichzeitigkeit vermeintlicher Gegensätze
Diese Zeilen sind nicht aus der Position eines Kunstkritikers geschrieben - der bin ich nicht -, sondern als Freund des Künstlers. Selbst das Bindeglied dieser Freundschaft ist nicht zwingend die Kunst, auch wenn sie zu einem starken Glied in ihr geworden ist, sondern ursächlich die Tatsache, dass Jón Thor Gíslason Isländer ist, und ich seit mehreren Jahrzehnten geradezu vernarrt bin in dieses Land. Dies wiederum ist keinem Geringeren geschuldet als einem Literatur-Nobelpreisträger, dem isländischen Schriftsteller Halldór Laxness, denn ohne meine Faszination von den Romanwelten dieses Autors wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen wäre, auch etwas über das reale Leben in Island in Erfahrung bringen zu wollen. Derart Laxness-infiziert jedoch, habe ich seit Anfang der 80er Jahre versucht, mich Land und Leuten, vor allem aber der Kulturszene Islands und seiner Literatur ein wenig zu nähern, besuchte mehrfach das Land, gab dann zunächst zusammen mit isländischen Freunden eine Anthologie zur hier seinerzeit noch weitgehend unbekannten zeitgenössischen Literatur des Landes heraus und organisierte 1990 schließlich zusammen mit dem Kölner Verein Stadtkunst e.V. unter dem Titel „Die Isländer kommen“ ein erstes größeres isländisches Kulturfestival, mit Musik, Film, Literatur und – natürlich bildender Kunst.
Jón Thor Gíslason kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht; er plante wohl gerade noch seinen Wechsel an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, um seine künstlerische Ausbildung mit einem Meisterklasse-Aufbaustudium zum Abschluss zu bringen. Hätte ich (oder Listasafn Íslands, die Isländische Nationalgalerie) ihn und seine Arbeiten damals schon gekannt, er wäre zweifellos Teil der etwa 250 Exponate der Ausstellung „Die Isländer kommen“ gewesen. Ob wir angesichts der vielen Künstlerinnen und Künstler, die hier präsent waren, allerdings auch zu der Freundschaft gefunden hätten, die ich heute genießen darf, lässt sich wohl nicht mit Sicherheit sagen.
Die Möglichkeit hierzu ergab sich erst einige Jahre später, 1993 oder 1994; ich weiß es nicht mit Sicherheit mehr, zumal mir die Begegnung im Rückblick erscheint, als hätten wir uns bereits lange davor gekannt. Es war anlässlich einer Ausstellung des Künstlers, aus deren Anlass der Aussteller mich gebeten hatte, etwas zur Entwicklung der modernen isländische Poesie vorzutragen. Da stand ich nun und sah erstmals Bilder von Jón Thor Gíslason, und auch wenn ich mich kaum noch an einzelne davon erinnere, so habe ich in mir doch noch die Vorstellung von Menschen, teils nackt, hart gestellt in ein undeutliches Ambiente in überwiegend, meist dunkleren Farbschattierungen von Blau, Braun, seltener Grün – Farben, wie sie mir von meinen Islandreisen her vertraut vorkamen. Mehr noch erinnerte mich der Künstler selbst an so manches mir lieb gewordene Verhalten von Menschen, die ich dort getroffen und schätzen gelernt hatte; es war beinah so, als zeigte sich mir hier (eine natürlich nicht belastbare Schlussfolgerung) etwas Typisches, das Isländern zu eigen war: diese Mischung aus Leichtigkeit und besonnenem Ernst beim Sprechen über das eigene Tun, die Ruhe und doch das kurze Aufbegehren, begleitet von einer schnellen, zur Seite wischenden Geste der Hände, wenn ein Missverständnis drohte, der Blick in eine Ferne, in der sich der Himmel noch weiter von der Erde zu heben schien, selbst dann, wenn er nur der Straßenseite gegenüber dem Fenster galt.
Wie ich auf Jón Thor Gíslason gewirkt habe, weiß ich natürlich nicht; in jedem Fall blieben wir in einem guten Kontakt; noch bei Stuttgart lebend, besuchte er mich das eine oder andere Mal in Köln, wir tranken und speisten miteinander, tauschten uns über unsere Arbeiten und Pläne aus, und als es ihn schließlich in das quasi benachbarte Düsseldorf zog, war eine Situation gegeben, die uns noch enger zusammenrücken und auch teilhaben ließ an den Dingen des anderen, sei es, dass Jón Thor der einen oder anderen meiner literarischen Veranstaltungen beiwohnte, oder ich die Freude hatte, bei seinen Vernissagen (in der Umgebung, aber später auch in Island) zugegen zu sein.
Sein Malen hatte sich, so mein Eindruck, inzwischen ein wenig verändert. Das Figurative, das mich auch in seinen Zeichnungen und Radierungen ganz besonders anspricht (die Wände meiner Wohnung kann ich mir gar nicht mehr vorstellen ohne sie), war noch stärker in den Vordergrund getreten, in jetzt helleren Farben, mal neon-grell, mal pastell-zart, zeigten und zeigen sie immer noch Menschen, vor allem Frauen und Kinder, die mich an mythologische Figuren erinnern, an Fabelwesen wie Elfen und Wiedergänger, jedenfalls an Menschen, die ein Geheimnis mit sich zu tragen scheinen; sie zeigen sich gleichzeitig schön und zerbrechlich, heiter doch verletzlich, einsam und voller Sehnsucht nach dem Miteinander.
Diese Gleichzeitigkeit vermeintlicher Gegensätze, die Jón Thors Bilder nach meinem Dafürhalten prägen, die Freude und die Melancholie, Kitsch und Tod, – diese Gleichzeitigkeit von allem, das immer und zu jeder Zeit ein jedes Dasein ausmacht, finde ich in ihren Wurzeln dann wieder, wenn wir uns über das philosophische Denken austauschen, das das Kunstschöpfen meines Freundes begleitet: das romantische Credo nach der Wiederentdeckung des Subjekts und damit der Bewusstheit unserer eigenen Individualität in all ihren Facetten als ein wunderbares Instrument, die Welt zu erfahren und womöglich sogar wieder zu einem mehr ganzheitlichen Verständnis von Welt zu kommen. Und auch entspricht die Erfahrung einer solchen Gleichzeitigkeit wohl den Erfahrungen der Bewohner einer Insel, die nach dem 2. Weltkrieg aus der Magie ihrer Überlieferung direkt im 20. Jahrhundert gelandet sind und nun in beidem leben, in ihrer tradierten Mythologie und in der Moderne einer globalisierten, derzeit zudem von einer Virus-Epidemie erschütterten Welt.
War unsere Freundschaft von Beginn an ein Garant für das wechselseitige Interesse am Befinden und Schaffen des jeweils anderen, eine Gemeinschaft des Austauschs, der Wertschätzung und des Motivierens, so ist ihr seit nun mehr als einem Jahrzehnt eine weitere Qualität zugewachsen: die gemeinsame Arbeit. Sie begann mit einer einfachen Frage: Warum tun sich ein muttersprachlicher Isländer, der Deutsch spricht, und ein Deutscher, der aufgrund seiner Aufenthalte in Island die dortige Sprache zumindest ganz leidlich lesen kann, warum tun sie sich nicht zusammen und machen das, was eh einen Teil ihrer Leidenschaften prägt – isländische Literatur lesen, der eine, sie ins Deutsche übertragen, der andere.
Entstanden sind so bisher neben Beiträgen in Literaturzeitschriften und -Periodika unter anderem ein Band mit Erzählungen und vier zweisprachig edierte Gedichtbände mit Lyrik namhafter isländischer Autorinnen und Autoren, weitere sind mit dem unsere Bücher publizierenden ELIF Verlag fest verabredet und werden in diesem und den kommenden Jahren erscheinen. Auch folgten zahlreiche gemeinsame Auftritt, isländisch-deutsche Lesungen im Rahmen von Ausstellungen, Literaturfestivals und in individuellen literarischen Veranstaltungen. Doch bei diesem doch noch eher in meine Richtung als Schriftsteller und Herausgeber zielenden gemeinsamen kreativen Tun ist es zum Glück nicht geblieben; schon vor einigen Jahren hat Jón Thor eine Auswahl meiner eigenen Lyrik, die eine Berliner Handdruck-Presse als kleine bibliophile Broschur veröffentlichen wollte, mit hierfür exklusiv gefertigten Zeichnungen aufgewertet, in schönster, unabhängiger Korrespondenz zu den Texten. Und alle unsere Fertigkeiten, die des Übersetzens als ein Sprachgespann und der bildnerischen Darstellung des Künstlers, werden demnächst zusammenkommen in einem bibliophilen Projekt der Corvinus Presse - in einem Künstlerbuch und einer handgesetzten und -gebundenen „Volksausgabe“ des ins Deutsche übertragenen Gedichtzyklus „Der sechste Monat“ der Isländerin Björg Björnsdóttir – mit exklusiven Radierungen meines Freundes Jón Thor Gíslason.
Noch heute danke ich dem isländischen Literatur-Nobelpreisträgers Halldór Laxness, denn ohne ihn und sein Romanwerk wäre ich vermutlich um eine Freundschaft, die ich nie mehr missen möchte, ärmer. Und dem Freund danke ich, dass er sie eingegangen ist und aufrechterhält, und wünsche ihm, dass ihm – auf seinem Gebiet – ein annähernd gleicher Erfolg beschieden sein möge wie seinem ehedem schreibenden Landsmann.
Köln, den 1. Februar 2021
Wolfgang Schiffer